Modehandels-Kongress 2020

Interview mit MySizeID

„Die Zukunft der Mode ist digital“

Falsche Größen und Passformprobleme verursachen dem Modehandel enorme Kosten. Entsprechend groß ist das Potenzial, wenn es Unternehmen gelingt, Kunden die jeweils richtigen Größen anzubieten und Retouren-Quoten zu verringern. An dieser Stelle setzt das Start-up MySize aus Israel an, das nun auf dem deutschen Markt startet und Partner des diesjährigen Modehandels-Kongresses ist. Wie die MySize-Lösungen funktionieren und welche Pläne das Unternehmen darüber hinaus verfolgt, erklären Gründer Ronen Luzon und Sales Managerin Sabine Steinhardt im Interview.

Mode zu kaufen, kann beglückend sein, aber auch frustrierend: Zum Beispiel wenn ein online gekauftes Kleidungsstück nicht passt und wieder zurückgeschickt werden muss. Bestenfalls kann es umgetauscht und dem Kunden doch noch zu einem zufriedenstellenden Einkaufserlebnis verholfen werden. Für den Verkäufer bedeutet ein retourniertes Kleidungsstück aber in jedem Fall mehr Aufwand, höhere Kosten – und damit niedrigere Margen.

Ronen Luzon

Ronen Luzon

CEO und Gründer, MySizeID
Sabine Steinhardt

Sabine Steinhardt

Sales Managerin, MySizeID

Ronen Luzon hat als Kunde selbst die Erfahrung gemacht, dass Online-Shopping mitunter eine herbe Enttäuschung sein kann – und hat daraus eine Geschäftsidee entwickelt: 2014 gründete Luzon das Start-up MySize. Das Geschäftsmodell: eine digitale Lösung, die dafür sorgen soll, dass Kunden beim Kauf von Kleidung auf Anhieb die richtige Größe finden und dass Bekleidungsanbieter ihren Kunden unmittelbar die richtigen Größen empfehlen können. Das Prinzip dahinter, vereinfacht ausgedrückt: MySizeID gleicht Produkt- und Kundenmaße sowie Körpermaßdaten aus einer eigenen Datenbank miteinander ab. Mit Hilfe eines Algorithmus’ werden passende Produkte identifiziert. Herzstück des Verfahrens ist die patentierte Messtechnologie MySizeID, mit der Kunden ihre Körpermaße per Smartphone und damit ein individuelles Körperprofil ermitteln können. Eine App namens MySizeID  gibt es mittlerweile im App-Store von Apple. Außerdem wird die Messlösung auch anderen Branchen zur Verfügung gestellt, zum Beispiel über die App BoxSize, die sich an Anwender aus der Logistik richtet.

Die internationale Bekleidungsbranche durchläuft durch die Corona-Pandemie eine schwierige Phase. Wie erleben Sie im Kontakt mit Ihren Kunden diese Situation? Und warum haben Sie sich entschlossen, gerade jetzt zu expandieren?

Ronen Luzon: Der Online-Markt wächst, und unser MySizeID Measurement Size Fit-Tool ermöglicht es unseren Kunden, Retouren-Quoten zu senken und die Konversionsraten zu erhöhen, und zwar um 50 bzw. 70 Prozent. Die Pandemie begünstigt gleichzeitig unsere ergänzende In-Store-Lösung. Unsere Kunden erkennen zunehmend den Vorteil, der sich daraus für sie ergibt.

Die Digitalisierung der Bekleidungsbranche hat sich in den vergangenen Monaten weiter beschleunigt. Wo gibt es in Bekleidungsunternehmen Ihrer Einschätzung nach noch Verbesserungspotenziale?

Ronen Luzon: Die Digitalisierung findet in der Regel im Back-end der Unternehmen statt, etwa wenn es um Kreation und Produktionsprozesse geht. Beim direkten Kontakt und Austausch mit den Konsumenten gibt es aber immer noch Defizite. Es ist in der Branche allgemein bekannt, dass etwa 80 Prozent der Retouren durch falsche Größen verursacht werden, weil die Teile entweder zu groß oder zu klein sind. Für den Online-Handel stellen Retouren eine enorme Herausforderung dar, und mit MySizeID bieten wir eine Lösung an. Die türkische Wäsche-Marke Penti zum Beispiel konnte ihre Retouren-Quote durch unsere Anwendung um 50 Prozent verringern.

Ihre Anwendung signalisiert Kunden, welche Größe bei bestimmten Marken die richtige für sie ist. Allerdings haben unterschiedliche Hersteller oft auch sehr unterschiedliche Passformen, die manchmal enger, manchmal weiter ausfallen. Wie bewältigt Ihre digitale Lösung diese Herausforderung?

Ronen Luzon: Unsere Trefferquote ist sehr hoch, weil sie die Körpermaße mit den Maßen des jeweiligen Produkts abgleicht. Sie ermittelt anhand der Körpermaße ein Körperprofil und stimmt dieses mit dem gewünschten Kleidungsstück ab, wobei Faktoren wie Bequemlichkeit und Komfort zwar nicht messbar sind, von uns aber dennoch berücksichtigt werden. In 75 bis 90 Prozent der Fälle kann so auf Anhieb die richtige Größe ermittelt werden, je nachdem ob der Kunde seine Maße abgenommen und in unsere App eingegeben hat oder die Anwendung über ein Widget nutzt, ohne seine Maße einzugeben. Mit unserer Anwendungen können wir für nahezu alle Arten von Kleidungsstücken Empfehlungen geben, sogar für Dessous.

In der Mode verändern sich die Silhouetten und damit auch die Passformen mitunter, bei manchen Herstellern sogar von Kollektion von Kollektion. Kommt Ihnen der modische Wandel nicht in die Quere?

Ronen Luzon: Nein. Unsere Anwendung basiert im Backend auf einer Vielzahl von Maßtabellen und produktbezogenen Daten, die wir miteinander abgleichen. So können wir Empfehlungen für bestimmte Kleidungsstücke geben. Besonders mit Dessous und Bademode machen wir sehr gute Erfahrungen. Schwieriger ist es in der Schuhbranche, weil die Passformsicherung im Schuhbereich noch anspruchsvoller ist als in der Bekleidung aufgrund der unterschiedlichen Fußformen.

Welche Schritte müssen Unternehmen durchlaufen, um MySizeID zu nutzen? Welche Daten müssen bereitgestellt werden, in welcher Form?

Sabine Steinhardt: Der Aufwand ist gering. Im Prinzip müssen Nutzer lediglich ein eigenes Konto über das Dashboard unserer Anwendungen, MyDash, eröffnen und können dann eine unbegrenzte Anzahl von Größentabellen hochladen und damit der Anwendung bereitstellen. Nicht außer Acht lassen sollte man das Marketing, das für den Erfolg maßgeblich ist: Unternehmen, die die neue Lösung nutzen, sollten diese gegenüber Verbrauchern vermarkten, damit diese sie ebenfalls nutzen und eigene Profile erstellen.

Was kostet Unternehmen die Nutzung von MySizeID?

Sabine Steinhardt: Es kommt auf die Zahl der Marken und der Kunden an. Das Spektrum beginnt bei 500 Größenempfehlungen und 50 Euro pro Monat und reicht bis 100.000 Größenempfehlungen bzw. 1000 Euro pro Monat. Je mehr Daten ein Kunden verwendet, umso stärker verringert sich der Preis pro Größenempfehlung. Größere Projekte besprechen wir individuell mit unseren Kunden.

Planen Sie weitere Entwicklungen?

Ronen Luzon: Ja, tatsächlich möchten wir bis Ende des Jahres auch eine Lösung für Schuhe anbieten. Mit ihr kann der Kunde seine eigenen Füße per Smartphone vermessen, um anschließend das richtige Produkt in der richtigen Größe zu bestellen.

Stichwort Zukunft: Was sind Ihre Erwartungen im Hinblick auf die Zukunft der Fashion-Branche?

Ronen Luzon: Der Modehandel wird online noch weiter wachsen, aber auch der Recommerce im Fashion-Bereich, also Vermarktung und Weiterverkauf getragener Artikel, wird weiter zunehmen. Die Zukunft der Branche ist digital. Damit meinen wir nicht nur die steigende Zahl von Online-Shops und die Digitalisierung der Bekleidungsproduktion, sondern auch, dass es immer mehr digitale Tools für Modekunden geben wird.