Modehandels-Kongress 2020

Interview mit Minubo

„Da wird sich noch viel tun in den nächsten Jahren“

Digitale Daten werden auch im emotionalen Fashion-Business immer mehr zum Erfolgsfaktor, ist Andreas Fischer überzeugt. Warum das so ist und warum er fest an die Zukunft des stationären Handels in der Innenstadt glaubt, erklärt Fischer, Chief Growth Officer des Hamburger Software-Spezialisten Minubo und Speaker des Modehandels-Kongresses 2020, im Interview.

In der Fashion-Branche ist Andreas Fischer kein Unbekannter: Der heute 37-Jährige gehörte zu den Mitgründern und war Mitgeschäftsführer des Berliner Start-ups Modomoto, einem der ersten Curated Shopping-Anbieter für Männermode in Deutschland. Fischer blieb auch an Bord, als Modomoto im vergangenen Jahr mit dem Konkurrenten Outfittery fusionierte. Seit kurzem nun ist er für das Hamburger Software-Haus Minubo tätig und soll das Wachstum des Unternehmens vorantreiben, das sich auf Business Intelligence für Marken und Händler spezialisiert hat. Für Andreas Fischer ein spannender Perspektiv-Wechsel, denn einige der früheren Modomoto-Lieferanten sind heute Kunden von Minubo. Ein weiteres Learning der ersten Wochen in der neuen Position: „Daten waren stets die Kernkompetenz von Outfittery und Modomoto, und wir haben sehr viel investiert, um die notwendigen Strukturen aufzubauen und diese Kundendaten für uns nutzbar zu machen. Mittlerweile denke ich: Was für ein Aufwand.“

Andreas Fischer

Andreas Fischer

Chief Growth Officer, Minubo

Minubo will Händlern solchen Aufwand ersparen: Der 2013 gegründete Software-Spezialist – Slogan „Smart Decisions. Every Day. For Everyone“ bietet Händlern eine Analyse-Software, mit der alle Mitarbeiter im Unternehmen datengetriebene Arbeitsabläufe leicht in den Arbeitsalltag integrieren können. Dazu werden die Geschäftsdaten konsolidiert und zugänglich gemacht – einfach und übersichtlich. Die Komplettlösung verfügt über Standardschnittstellen zu gängigen Commerce-Systemen, dockt somit an die bestehende technische Infrastruktur an, verknüpft die Daten aus den Systemen und generiert – basierend auf Best Practices – Reports, Analysen und Handlungsempfehlungen. Mittlerweile gehören Intersport, ZooRoyal, Tesa und die Betty Barclay Group zu den Kunden. Minubo ist Partner des diesjährigen Modehandels-Kongresses.

„Daten sind das neue Öl“, heißt es auch in der Fashion-Branche immer öfter. Offenbar steigt das Bewusstsein, dass die systematische Nutzung von Kundendaten ein wesentlicher Erfolgsfaktor sein kann. Wie kommt es dazu?

Andreas Fischer: Im Grunde genommen wird in der Modebranche schon sehr lange mit Kundendaten gearbeitet. Jeder Boutiquen-Besitzer, der seine Kunden persönlich kennt und bedient, nutzt dazu im Prinzip Kundendaten. Jetzt befinden wir uns in einer Situation, in der Nachfrage sowohl online als auch im stationären Handel stattfindet, was zu einer steigenden Komplexität führt. Umso wichtiger werden Daten, weil sie dafür sorgen, dass wir die Kunden genauso gut verstehen, wie es in einer Boutique schon immer der Fall war. Daten sind nichts Abstraktes, sie helfen, wenn man es gut macht, die Kundenerfahrung zu verbessern und sorgen für höhere Profitabilität.

Was die Nutzung von digitalen Kundendaten angeht, so gibt es im Fashion-Handel große Unterschiede zwischen kleinen und großen Unternehmen, die über große Datenmengen verfügen können. Haben kleine bis mittelständische Unternehmen überhaupt noch eine Chance gegen Amazon und Co.?

Auf jeden Fall. Kleine und mittelständische Unternehmen können bei ihren Kunden durch tollen Service und persönliche Kommunikation punkten. Viele Kunden legen außerdem großen Wert darauf, bei wem sie kaufen, besonders, wenn es sich um Produkte mit hohem Involvement handelt wie Mode, die auch ein Mittel des persönlichen Ausdrucks ist. Jeder Händler, der dies berücksichtigt, hat gute Chancen, sich gegen Amazon zu behaupten. Gleichzeitig steigen natürlich die Anforderungen an den Handel, weil es immer wichtiger wird, die Kunden über mehrere Vertriebskanäle zu bedienen und zu verstehen. Wem dies gelingt, der kann nicht nur im stationären Handel, sondern auch online wirklich persönliche Einkaufserlebnisse gestalten. Hier gibt es gerade im Mittelstand noch großes Potenzial.

Wie gelingt dies bzw. wie tragen Daten zum persönlichen Einkaufserlebnis bei?

Daten helfen, den Kunden besser zu verstehen. Was sind seine Vorlieben und Lieblingsmarken, welche Kleidung trägt er gerne im Winter, was sind die wichtigen Preispunkte, was sind die wichtigen Preispunkte, welche Kunden sind besonders profitabel und kaufen regelmäßig? Auf Basis dieser Informationen bzw. Daten, kann ich ganz konkret entscheiden, welche Angebote ich dem Kunden mache, welche Marken ich ihm in einem Newsletter zeige, sprich ich kann – basierend auf digitalen Daten – sehr konkrete Empfehlungen geben und eine sehr persönliche Interaktion mit dem Kunden starten.

Für kleine bis mittelständische Händler stellt es sicherlich eine Herausforderung dar, eine entsprechende Infrastruktur  aufzubauen, mit der Daten auf diese Weise genutzt werden können. Wie startet man damit?

Für Mittelständler ist es tatsächlich nicht einfach, ein professionelles Daten-Management aufzubauen, denn sie müssen dafür sowohl Kompetenzen inhouse als auch die technischen Voraussetzungen schaffen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es selbst für Unternehmen wie Outfittery und Modomoto, deren Kernkompetenz es ist, mit Daten sehr persönliche Kundenerlebnisse zu kreieren, eine große Herausforderung war, die personellen Ressourcen, die Infrastruktur und IT-Architektur dafür zu schaffen. Deshalb ist es wichtig, die richtigen Partner zu identifizieren, wobei in den meisten Fällen zusätzliche Kompetenzen inhouse benötigt werden, etwa um eine Datenbank aufzusetzen oder ein entsprechendes Datenmodell zu kreieren. Man kann die Organisation jedoch auch sehr schlank halten, je nachdem, welchen Weg man wählt.

Wie entwickelt sich der Markt für Business Intelligence Lösungen? Wie ist die Nachfrage des Handels?

Der Bedarf im Handel ist auf jeden Fall da, weil durch das zunehmende Wachstum im Online-Handel das Geschäft zunehmend komplexer wird und man an einigen Erfolgsbeispielen sieht, wie wichtig es ist, intelligent mit Kundendaten zu arbeiten. Dadurch steigen die Nachfrage und das Angebot. Minubo stößt unter anderem auch deshalb auf steigende Nachfrage von Händlern, weil wir ein auf den Handel zugeschnittenes Komplettpaket anbieten, das sämtliche notwendigen Leistungen und Funktionen in einer Lösung beinhaltet, also die Datenbank, das Daten-Modell, die Tools, um mit den Daten zu arbeiten, einschließlich der gängigen ERP- und Warenwirtschaftssysteme und der relevanten KPIs wie etwa Retouren-Quoten und der Möglichkeit, Dashboards und Reportings ganz flexibel den Bedürfnissen der jeweiligen Abteilung anzupassen.

Wo sehen Sie Nachholbedarf im Handel, was die Nutzung von digitalen Daten angeht?

Die meisten Unternehmen wissen natürlich, auf welche Kennzahlen es ankommt; oft stehen diese Kennzahlen aber einfach nicht zur Verfügung bzw. sind nicht so akkurat aufbereitet und verlässlich, wie es nötig wäre. Im täglichen Business ergeben sich enorme Optimierungspotenziale dadurch, dass man kurzfristig und unkompliziert auf die benötigen Daten zugreifen kann – oder nicht. Stichwort Retouren-Quote: Ein Einkäufer muss wissen, welche Artikelgruppen und Markengruppen wie funktionieren und benötigt dafür Daten in einer entsprechenden Struktur und Tiefe, sonst kann er nicht handeln. Dies wird umso wichtiger, wenn man Entscheidungen über mehrere Point of Sales, stationär und online, treffen muss.

Die Modebranche scheint sich immer schneller zu verändern. Was ist Ihre Prognose – wie sehen Sie die Zukunft der Fashion-Branche und welche Chancen bieten sich Anbietern trotz aller Herausforderungen?

Eines wird sich jedenfalls nicht verändern: Die Unternehmen, die eng beim Kunden sind, die den Kunden wirklich gut verstehen, und zwar über alle Vertriebskanäle, werden weiter erfolgreich sein. Dieses ganzheitliche Kundenverständnis wird immer stärker zum Erfolgsfaktor, Voraussetzung dafür ist aber der richtige Umgang mit Daten. Sie ermöglichen es, bessere Entscheidungen zu treffen, effizientere Wertschöpfungsketten aufzubauen und die Kundenzufriedenheit zu erhöhen, indem man den Kunden noch gezielter die richtigen Produkte und Serviceleistungen anbieten kann. Insofern kann man wirklich sagen, dass Daten „das neue Öl“ sind, und wer es schafft, sie smart zu nutzen, hat künftig einen riesigen Wettbewerbsvorteil. Deshalb glaube ich zum Beispiel auch nicht, dass der Handel in den Innenstädten aussterben wird, wie man es zurzeit immer wieder hört. Vielmehr werden neue Handelskonzepte entstehen, die den Service und damit den Kunden viel stärker als bisher in den Mittelpunkt stellen und die Kanäle intelligent miteinander verknüpfen. Es geht immer weniger um die Bereitstellung von Ware, sondern immer mehr darum, dem Kunden auf schlaue Art und Weise ein tolles Einkaufserlebnis zu bieten: Da wird sich noch sehr viel tun in den nächsten Jahren.

Interview: Bettina Maurer, dfv Conference Group